Anna-Lena Thömmes – Chemikerin und Forscherin für anorganische Chemie

Die anorganische Chemie zählt zu den komplexesten und zugleich faszinierendsten Disziplinen der modernen Naturwissenschaft. Verbindungen jenseits der klassischen organischen Kohlenstoffchemie, insbesondere mit schweren Hauptgruppenelementen, stellen Forschende vor grundlegende Herausforderungen – sowohl in der Synthese als auch im Verständnis ihrer Eigenschaften. Anna-Lena Thömmes hat sich genau diesem Feld verschrieben. Als erfahrene Forscherin in der Chemie bringt sie das nötige Rüstzeug mit, um nachhaltige Beiträge zu leisten – international wahrgenommen und bereits in frühen Karrierephasen mit bedeutenden Auszeichnungen bedacht.

Wissenschaftliche Laufbahn einer engagierten Forscherin

Geboren 1996 in Saarburg, studierte Anna-Lena Thömmes Chemie zunächst an der RWTH Aachen, bevor sie an die Universität des Saarlandes wechselte, wo sie ihren Bachelor- und Masterabschluss mit Auszeichnung abschloss – Letzteres als beste Studentin des Jahrgangs mit der Abschlussnote 1,2. Bereits in ihrer Masterarbeit, die mit der Höchstnote bewertet wurde, befasste sie sich mit Lithium-Digermeniden und den reaktiven Eigenschaften abgeleiteter Poly(digermen)-Modellverbindungen. Die Wahl dieses Themas war Ausdruck eines früh entwickelten Interesses an der Chemie schwerer Hauptgruppenelemente – ein roter Faden, der sich durch ihre gesamte akademische Laufbahn zieht.

Von Februar 2021 bis August 2025 promovierte sie in der Gruppe von Prof. David Scheschkewitz an der Universität des Saarlandes auf dem Gebiet der anorganischen Chemie. Ihre Dissertation trägt den Titel „Advanced Polymers with Ge=Ge Double Bonds“ und wurde mit „summa cum laude“ bewertet – der höchsten Auszeichnung, die eine Promotion vergeben kann. Thematisch widmete sie sich der Einbindung niederkoordinierter Germaniumzentren in polymere Materialien, einem Gebiet, das für die Entwicklung neuartiger halbleitender Materialien von erheblicher Bedeutung ist. Dass sowohl Fachwelt als auch Förderinstitutionen diese Arbeit von Beginn an mit großem Interesse begleiteten, zeigt die Vielzahl der Auszeichnungen, die während dieser Zeit eingeholt wurden.

Vom Saarland an die Universität Toulouse

Seit September 2025 arbeitet Thömmes als Postdoktorandin an der Universität Toulouse in der Gruppe von Prof. Didier Bourissou. Das aktuelle Projekt, das im Rahmen eines ERC-Projekts gefördert wird, befasst sich mit der Entwicklung mononuklearer Goldkomplexe mit ungewöhnlichen Oxidationszuständen – ein Thema, das neue Perspektiven für die Koordinationschemie und mögliche Anwendungen in der Katalyse eröffnet. Das Laboratoire Hétérochimie Fondamentale et Appliquée bietet exzellente Bedingungen für diese Art grundlagenorientierter Forschung. Der Schritt ins Ausland steht für eine bewusste Entscheidung, den eigenen wissenschaftlichen Horizont zu erweitern und neue Methoden sowie Perspektiven in die eigene Arbeit zu integrieren. Gleichzeitig bringt sie ihre umfangreiche Erfahrung mit niedervalenten Hauptgruppenverbindungen in ein Umfeld ein, das sich auf Übergangsmetalle in ungewöhnlichen Bindungssituationen spezialisiert hat – eine fruchtbare Kombination zweier komplementärer Forschungsrichtungen.

Auszeichnungen und Förderungen

Der wissenschaftliche Werdegang ist von einer bemerkenswerten Dichte an Auszeichnungen begleitet. Zwischen 2021 und 2023 wurde sie mit dem Kekulé-Doktorandenstipendium des Fonds der Chemischen Industrie gefördert – eine Förderung, die als besondere Anerkennung wissenschaftlicher Exzellenz gilt. Hinzu kommen mehrere Posterpreise auf internationalen Konferenzen:

  • Bester Poster-Preis beim ICOMC 2022 in Prag
  • Bester Poster-Preis beim IRIS16 in Graz
  • Bester Poster-Preis beim ICCOC-GTL17 in Wellington, Neuseeland
  • Poster-Auszeichnung bei der 22. GDCh-Tagung für Anorganische Chemie 2024 in München

Reisestipendien verschiedener Stiftungen ermöglichten die Teilnahme an Konferenzen in Kanada, Tschechien, Österreich und Neuseeland – ein Beleg dafür, dass die Forschungsarbeit auf internationalem Parkett überzeugt.

Forschungsschwerpunkte: Germanium-Forschung im Fokus

Das wissenschaftliche Kerninteresse von Anna-Lena Thömmes liegt in der Chemie niedervalenter Germaniumverbindungen und ihrer Einbindung in konjugierte Polymersysteme. Dieser Forschungsbereich verbindet klassische Koordinationschemie mit modernster Polymerchemie und Materialwissenschaft – grundlagenorientiert und zugleich anwendungsnah. Besonders die Frage, wie sich ungewöhnliche Bindungssituationen an schweren Hauptgruppenzentren gezielt für die Materialentwicklung nutzen lassen, steht dabei im Mittelpunkt.

Poly(digermene)s und Ge=Ge-Doppelbindungen

Ein zentrales Thema der Promotionsarbeit war die Entwicklung von Poly(digermenen) – Polymeren, die Germanium-Germanium-Doppelbindungen in ihrer Hauptkette tragen. Solche Verbindungen sind synthetisch außerordentlich anspruchsvoll, da sie im Vergleich zu Kohlenstoffanaloga deutlich reaktiver und empfindlicher gegenüber Feuchtigkeit und Sauerstoff sind. Es gelang, Poly(digermene)s mit hoher Löslichkeit und hohen Polymerisationsgraden herzustellen und als dünne Filme abzuscheiden – ein wichtiger Schritt in Richtung anwendungsfähiger Materialien für die organische Elektronik, der 2024 in der Angewandte Chemie International Edition veröffentlicht wurde. Darüber hinaus erschien 2026 ein Übersichtsartikel zu konjugierten anorganisch-organischen Hybridpolymeren mit p-Block-Elementen in derselben Zeitschrift, der den breiteren Kontext dieser Forschungsrichtung beleuchtet.

CO₂-Aktivierung und neue Reaktivitätskonzepte

Eine weitere Publikation, die 2025 in Inorganic Chemistry Frontiers erschien, berichtete über die selektive Aktivierung von Kohlendioxid durch ein NHC-stabilisiertes Bis(germylen). Dabei werden C=O-Bindungen durch das Zusammenspiel von nukleophilem Germylenzentrum und elektrophilem Silylrückgrat gespalten – ein als Silagermylenation bezeichneter Mechanismus, der einen konzeptionell neuen Ansatz zur chemischen Nutzung von CO₂ darstellt. Die Transformation von Treibhausgasen in werthaltige Produkte zählt zu den zentralen Herausforderungen moderner Synthesechemie. Bemerkenswert ist dabei, dass Thömmes nicht nur die Synthese verantwortete, sondern auch die quantenchemischen Berechnungen sowie die Visualisierung und Analyse der Daten eigenständig durchführte – ein Zeichen für die methodische Breite, die diese Wissenschaftlerin auszeichnet.

Engagement in der wissenschaftlichen Gemeinschaft

Neben der Laborarbeit hat sich Anna-Lena Thömmes intensiv in die Strukturen der deutschen Chemikergemeinschaft eingebracht. Von 2021 bis 2023 war sie Sprecherin des JCF Saar der GDCh, seit Januar 2026 leitet sie als Vorsitzende die JuWöV – die Junge Wöhler-Vereinigung für Anorganische Chemie. Sie organisierte die „Curiosity“-Konferenz in Mülhausen, ein interdisziplinäres Treffen junger Chemiker als Kooperation der GDCh und der französischen SCF, sowie die „ChemScienceNight“ in Saarbrücken, ein Diskussionsforum für Studierende an der Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Dieses Engagement spiegelt ein Verständnis von Wissenschaft wider, das die aktive Kommunikation von Forschung als selbstverständlichen Teil akademischer Arbeit begreift.

Die folgende Übersicht fasst zentrale Stationen der akademischen Laufbahn zusammen:

  • Masterabschluss als Jahrgangsbeste (Note 1,2) an der Universität des Saarlandes
  • Promotion summa cum laude bei Prof. David Scheschkewitz
  • Kekulé-Stipendium des FCI (2021–2023)
  • Postdoktorat bei Prof. Didier Bourissou, Universität Toulouse
  • Vorsitz der JuWöV seit Januar 2026

Ausblick: Auf dem Weg zur Professur

Das klare Ziel ist eine Professur in der anorganischen Chemie. Die bisherige Laufbahn – geprägt von exzellenten Abschlüssen, internationaler Vernetzung und mehrfach preisgekrönter Forschung – legt dafür ein solides Fundament. Mit der aktuellen Arbeit an der Universität Toulouse wird die Expertise in einem neuen Teilgebiet der Koordinationschemie vertieft und das internationale Netzwerk konsequent erweitert. In einer Disziplin, die kontinuierlich neue Materialien, Reaktivitätskonzepte und Anwendungsfelder erschließt, bringt Anna-Lena Thömmes genau die Kombination aus tiefem Fachwissen, methodischer Vielseitigkeit und wissenschaftlichem Weitblick mit, die für eine erfolgreiche akademische Karriere entscheidend ist.